Doktorarbeit über die Radwege

Doktorarbeit über die Radwege

Sonntag, den 16. September 2018 um 9:23

Foto: Hadumod Ingrid Bartölke
Felix Feldhofer aus Köln schrieb nach einer Besichigung der Nordbahntrasse Ende August: felix@feldhofer.com
 
Im Rahmen meiner architekturhistorischen Doktorarbeit an der Uni Köln beschäftige ich mich mit Infrastrukturbauten für den Radverkehr, die nicht nur rein funktionale Aspekte erfüllen, sondern darüber hinaus einen ästhetischen Mehrwert bieten. Solche Bauten, wie etwa der Hovenring in Eindhoven, die Cykelslangen in Kopenhagen oder auch Lichtinstallationen wie am Eindhovener Van-Gogh-Fietspad oder entlang des RijnWaalpad zwischen Arnheim und Nimwegen sind in den vergangenen 15 Jahren hauptsächlich in den Niederlanden und Dänemark entstanden.
 

Im Rahmen eines städtebaulichen Paradigmenwechsels von der auto- zur menschengerechten Stadt wurde Fahrradinfrastruktur als Katalysator und Indikator attraktiver Städte erkannt. Den niederländischen und dänischen Städten, die bereits zuvor auf den Radverkehr setzten, dienen die spektakulären neuen Bauten und Installationen als Symbolträger und Wahrzeichen zur öffentlichkeitswirksamen Inszenierung ihrer heute mehr denn je gefragten städtebaulichen Form.
 
Im Rahmen meiner Recherchen bin ich auch auf den von der Wuppertalbewegung eingerichteten Radweg auf der Nordbahntrasse gestossen, hatte ihn jedoch zunächst nicht für eine nähere Betrachtung vorgesehen. Zwar finden sich auch hier gelungene Beispiele einer ästhetischen Aufwertung – etwa in Form der sogenannten Lego-Brücke – diese sind jedoch vergleichsweise zaghaft. Schliesslich ist die Nordbahntrasse für Wuppertal nicht das Sahnehäubchen eines entsprechenden Wandels, sondern seine Initialzündung.
 
Neben meiner Doktorarbeit bin ich auch in das Projekt “Perspektiven der Denkmalpflege” der Abteilung Stadtentwicklung und Denkmalpflege des NRW-Bauministeriums involviert. Hierfür befasse ich mich mit den Wechselwirkungen des Denkmalschutzes mit dem bereits erwähnten planerischen Wandel hin zur menschengerechten Stadt. In diesem Zusammenhang sind unter anderem die Berührungspunkte von Fahrradinfrastruktur und Denkmälern interessant, insbesondere natürlich dann, wenn denkmalwerte Bauten auf diesem Weg zu einer sinnvollen neuen Nutzung finden. Die Nordbahntrasse mit ihren zahlreichen denkmalgeschützten Tunneln, Viadukten und Bahnhöfen, ist hierfür eines der interessantesten Beispiele.
 
Um mir vor Ort einen Eindruck zu machen und gleichzeitig mehr über den Planungsprozess des Weges zu erfahren, wandte ich mich an die Wuppertalbewegung. Dort nahmen sich die Gründungsmitglieder Klaus und Hadumod Bartölke meines Anliegens an, und wir vereinbarten einen Interview- und Besichtigungstermin. Am 28. September wurde ich am Bahnhof Vohwinkel in Empfang genommen. Gemeinsam fuhren wir zunächst mit dem Auto einige interessante Punkte entlang der Trasse an, nämlich die ehemaligen Bahnhöfe Ottenbruch, Mirke, Loh und Wichlinghausen, sowie die ehemaligen Goldzack-Werke, und die Lego-Brücke. Schliesslich kehrten wir für ein Mittagessen und zum Interview ins Café Nordbahntrasse ein. Anschliessend verabschiedete ich mich von den Bartölkes und fuhr auf einem mitgebrachten Faltrad die Trasse ab, um den Weg auch aus der Perspektive des Radfahrers zu erleben.
Der persönliche Eindruck der Nordbahntrasse hat meine Erwartungen deutlich übertroffen. Das gilt sowohl für die Ausgestaltung des Weges, als auch für seine bereits erkennbaren städtebaulichen Effekte. Zunächst fiel mir die rege Nutzung, selbst tagsüber an einem Werktag auf. Auch war zu erkennen, dass die anliegenden Stadtviertel durch die Strecke belebt und aufgewertet werden. Wie mir Frau Bartölke berichtete, wird die Strecke auch von Berufspendlern und für den Schulweg rege genutzt; neu gebaute Kindergärten suchen die Nähe der Strecke.
 
Die positiven Effekte aus Sicht des Denkmalschutzes spielten für die Wuppertalbewegung bei der Planung des Weges keine zentrale Rolle, sie sind lediglich einer von vielen positiven Effekten, oder wie Herr Bartölke es ausdrückte ein “Kollateralgewinn”. Das schmälert aber nicht die Tatsache, dass die Strecke einen grossen Glücksfall für den Denkmalschutz darstellt. Wie mir der zuständige Denkmalpfleger Uwe Haltaufderheide in einem späteren Telephoninterview bestätigte, wären die denkmalgeschützten Bauten entlang der Strecke ohne eine neue Nutzung wohl nicht zu erhalten gewesen. So wie es in der Nähe des ehemaligen Bahnhofs Wichlinghausen bereits eingetreten ist, wäre in weiten Teilen der Strecke früher oder später mit Überbauung zu rechnen gewesen. Als erfreulich stellte er heraus, dass durch die Art der neuen Nutzung die Trasse nun in ihrer Gesamtheit erhalten bleibt. Auch wenn sie nicht als Ganzes unter Schutz steht, ist diese Variante natürlich einer vereinzelten Erhaltung zusammenhanglos erscheinender Tunnel und Viadukte vorzuziehen. Ich selbst finde bemerkenswert, dass der Denkmalschutz auch weiterhin, nämlich mittelbar, vom Radweg auf der Nordbahntrasse profitiert: das baufällige Gebäude des ehemaligen Bahnhofs Ottenbruch wird aktuell von einem privaten Investor saniert. Sein Interesse an dem Gebäude ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Lage durch den Radweg deutlich aufgewertet wurde. Dafür sprechen auch seine Pläne, Teile des Gebäudes gastronomisch zu nutzen.
 
Ich zolle der Wuppertalbewegung grössten Respekt für das erreichte Ergebnis und wünsche mir in zahlreiche Städten Nachahmungen ihres Projekts, auch wenn die Ausgangssituationen natürlich von Stadt zu Stadt verschieden ausfallen. Bei Klaus und Hadumod Bartölke bedanke ich mich herzlich für die freundliche und aufschlussreiche Führung.

 

von Hadumod Ingrid Bartölke